Zeitschrift «Schweizer Familie»
Nr. 47, 20. November 2003


«Ich bin nicht mehr das Opfer von Mischa Ebner»

Am 31. Juli 2002 wurde Sascha L. vom Berner Messerstecher überfallen und lebensgefährlich verletzt. Jetzt erzählt sie in der SF zum ersten Mal, wie sie den damaligen Horror überwand und wieder ins Leben zurückfand.

Von Claudia Weiss Gerber

Tanzend steigen die vielen bunten Luftballons in den tiefblauen Himmel, am Bändel befestigt die guten Wünsche der Festgäste. Wünsche für ein glückliches, neues Leben. Verbunden mit der Hoffnung, dass diese Feier für Sascha L. wie ein zweiter Geburtstag einen Schlusspunkt setzt hinter die schwierigste Zeit ihres Lebens.

Beharrlich hat sich die 24-Jährige in ihr Leben zurückgekämpft, aus dem sie am 31. Juli 2002 durch einen Angriff abrupt herausgerissen wurde. In der Öffentlichkeit redet sie nicht mehr über jene Nacht, als der Koch und Waffenläufer Mischa Ebner sie willkürlich als Opfer auserkor und siebenmal auf sie einstach; auch über den Täter spricht sie nicht. «Das ist vorbei, die Tat darf nicht wie ein Schatten über mein Leben stehen», hat die Studentin beschlossen.

Mit dem Fest ist das «Jahr danach» abgeschlossen, der schreckliche Abend rückt weiter weg und der Alltag näher, und Sascha will im Zusammenhang mit der Tat nicht mehr mit vollem Namen genannt oder auf dem Bild erkannt werden. «Sie hat ein Anrecht auf ein eigenes Leben in der Normalität, ohne dass sie stets auf die Opferrolle reduziert wird», erklärt Opferhilfe-Anwalt Daniel Wyssmann den Wunsch nach Anonymität.

Die Schritte zurück ins Leben sind daher das Einzige, was Sascha noch einmal schildern mag, sie sind das Ermutigende an der Geschichte. Während die Öffentlichkeit erleichtert die Verhaftung des Täters verfolgte, hatte der Weg in die Normalität für das Opfer und seine Familie erst angefangen, unspektakulär, aber zäh. Glasklar erinnert sich Sascha an jenen ersten Moment, in dem sie verletzt auf der Strasse lag und realisierte, «jetzt heisst es um mein Leben kämpfen», und heute ist sie froh, dass sie damals nicht wusste, wie viel Kraft und Zeit sie dafür brauche würde. Noch in derselben Nacht, auf der Intensivstation des Berner Inselspitals, begann sie, den Blick nach vorne zu richten, von einer Minute zur nächsten weiterzuleben: Die Uni-Arbeiten verschieben, Abmachungen neu treffen und dann ganz schnell wieder ihr gewohntes Leben aufnehmen – sie strebte immer vorwärts.

Daran hielt sie auch fest, als sie nach fünf Tagen in das Paraplegikerzentrum Nottwil LU überführt wurde und damit rechnen musste, für immer gelähmt zu bleiben. Um fünf Millimeter hatte ein Messerstich einen lebenswichtigen Punkt im Rückenmark zwischen dem vierten und fünften Wirbel derart verletzt, dass eine Heilung alles andere als sicher war.

Doch Sascha gab nicht klein bei. «Bis zur Paris-Reise bin ich wieder fit», nahm sie sich eisern vor, später machte sie daraus «bis zum Uni-Beginn im Oktober», dann «spätestens bis Weihnachten». Das hat sie tatsächlich beinahe geschafft, im Januar 2003 kehrte Sascha nach sechs Monaten Rehabilitation ohne Gehhilfe in ihr Elternhaus in Bern-Bümpliz zurück.

Hinter sich hatte sie ein halbes Jahr Extremtraining, in dem sie neu lernen musste, mit anfangs völlig verkrampfter Faust die Zahnbürste zu steuern oder den Löffel zum Mund zu führen, und als dies wieder einigermassen gelang, ohne dass alles Essen auf dem Tableau landete, zwang sie sich beharrlich, die Schuhe selber zu binden und sich nicht davon entmutigen zu lassen, dass sie dafür eine halbe Stunde brauchte. Ihre Mutter stand daneben: «Sascha hat von Anfang an erklärt, sie werde nicht im Rollstuhl bleiben.»

Falls ihre Tochter je wirklich verzweifelt war, hat sie es die Mutter nicht merken lassen: «Ich habe sie bloss ein einziges Mal weinen sehen.»

Jeder winzige Erfolg gab Sascha neuen Auftrieb. Am 11. Oktober 2002, zweieinhalb Monate nach der Tat, gab sie den Rollstuhl zurück und stakste steif, aber alleine weiter, immer weiter in die Selbständigkeit: «Ein Wunder», jubelte sie damals. Und ein grosses Glück: Sie die ihren Körper seit dem sechsten Altersjahr mit Ballettübungen trainiert und über die Bewegung auch ihre Gefühle ausgedrückt hat, hatte doppelte Mühe, plötzlich auf Hilfe angewiesen zu sein. «Es ist hart, wenn der Kopf immer noch der Gleiche ist, aber der Körper nicht mehr will», sinniert sie, und wer genau hinschaut, bemerkt die leisen, unkontrollierten Bewegungen, die ihre Hände noch manchmal machen, wenn sie spricht. Eine motorische Störung der Hände, Mühe beim Koordinieren und Kraftverlust sind ihr an körperlichen Verletzungen geblieben.

Wie tief die seelischen Wunden sind, bleibt ihr Geheimnis. «Die Erinnerungen kann ich nicht auslöschen, aber ich lerne, damit zu leben», sagt sie knapp, und erzählt lieber von ihrem ersten Ausgang von Nottwil, ihrem einzigen öffentlichen Auftritt im Rollstuhl. Sie besuchte mit ihrem Papa in Luzern ein Konzert der Wiener Philharmoniker. «Ich war so hingerissen von der Musik und dem Gefühl, wieder einmal draussen zu sein, dass ich mich überhaupt nicht um die Reaktionen anderer Leute scherte.»

Ein einziges Foto gibt es heute von Sascha im Rollstuhl, ein paar andere zeigen ihre Halskrause, das war, als die Tochter ihrer Nottwiler Zimmernachbarin heiratete. In der ersten Zeit wollte Sascha die Bilder nicht behalten, genauso wenig wie sie in den ersten Wochen Zeitungsberichte über die Tat oder den Täter anschaute, aber eines Tages entschied sie anders: «Es war nun einmal so und gehört auch zu meinem Leben», sagt sie heute.

Während der Rehabilitationszeit war das Studium ein Anker, sie wollte so rasch wie möglich wieder an die Uni zurück, und so hörte sie sich schon bald zwischen verschiedenen Therapiestunden die auf Kassetten aufgezeichneten Vorlesungen an. «Dank der Hilfe meiner Mitstudenten und Professoren habe ich nicht einmal viel verpasst.» Sascha freut sich, dass sie sogar im gleichen Semester weiterstudieren kann, Französisch und Geschichte, beides Gebiete, die sie seit der Schulzeit ebenso begeistern wie das Tanzen, ihre Passion.

Umso glücklicher ist sie darüber, dass wahr geworden ist, was in den ersten Wochen ausser ihr selbst niemand geglaubt hätte: Seit diesem März tanzt sie wieder, noch ein wenig ungelenk und wahrscheinlich nie mehr so gut wie früher, aber immerhin: Sascha tanzt und springt, nicht zuletzt dank der Hilfe ihrer Bewegungstherapeutin und Freundin Eliane Eicher, die ihrer langjährigen Schülerin mit ihrem Können geholfen hat, die spastischen Bewegungen unter Kontrolle zu bekommen.

Sowieso, ohne Unterstützung von Familie und Freunden, das ist für Sascha keine Frage, hätte sie den langen Weg nicht geschafft. Aber heute ist sie soweit, dass sie überzeugt von sich sagen kann: «Ich bin nicht mehr das Opfer von Ebner, ich bin Sascha, die Studentin.» Und irgendwo schwebt vielleicht noch ein Ballon voll guter Wünsche.